Mittwoch, 18. September 2013

Detlefs Bericht vom Folk Club 40 im September 2013


Folk Club 40 im September – Wetterlieder und andere Überraschungen


Auch Hitze ist Wetter, hatte sich Petrus gedacht, und so seinen thematischen Beitrag mit Temperaturen von über 30 °C zum letzten Folk Club des Sommers 2013 geleistet. Die Musiker kamen jedenfalls kräftig ins Schwitzen, obwohl sich die meisten der heute präsentierten Wetterlieder mit Sturm und Regen befassten. Sollte Regen heraufbeschworen werden oder animieren widrige Verhältnisse schlichtweg mehr zur Poesie. Es wurde ja auch bereits angemerkt, dass Leid, Trauer und Enttäuschung häufiger in den Liedern aufgegriffen werden als Freude und andere positive Gemütszustände. Es ist wie in der Zeitungswelt: Only bad news is good news!


Dennoch gibt es auch etwas Gutes zu vermelden: Der Saal war trotz der Hitze und der Konkurrenz durch das Fußball WM-Qualifikationsspiels gegen Österreich gut gefüllt – Der Folk Club hat nun mal seine Fans.


Mit Regen ging’s also gleich los, denn Master John Harrison eröffnete den Reigen mit dem Klassiker „Come on in my Kitchen“ von Robert Johnson. „Because it’s raining outdoors“ lautet eine Zeile des Liedes. John wechselte zwischen Mundharmonikasolos und Gesang und wurde dabei mehr oder minder „zufällig“ von Stephan Westphals Geige begleitet. Zuerst kamen Stephans Geigentöne aus dem Publikum am anderen Ende des Saals, dann wanderte er zu John hin und wurde Teil des Duetts – ein schöner Einfall der beiden. Vielleicht bekommen wir von Stephan bei künftigen Folk Club Treffen noch mehr zu hören.


„The King of Rome“ lautete der Titel des Liedes, bei dem der Sturm eine wichtige Rolle spielt. John trug das Lied über eine erfolgreiche Brieftaube, die beim Langstreckenrennen von Rom nach Derby in Mittelengland trotz heftiger Winde gesund heimkam, gekonnt a capella vor. Ebenfalls stürmisch ging es beim Blues „Stormy Monday“ zu, bei dem Lothar Heinrich von John auf der Gitarre begleitet wurde. Lothar konnte seine wunderbaren Bluessänger-Qualitäten voll ausspielen und John glänzte mit gekonnten Riffs – großer Applaus für die zwei.


Nochmals lautete das Thema „Sturm“ bei „Stormy Weather“, Lothar jetzt begleitet von Barry Roshto am Klavier. Lena Horne, die das berühmte Lied in den Vierziger Jahren unvergleichlich gesungen hatte, hätte an Lothars Interpretation ihre Freude gehabt. Sturm und Regen hatten es auch Lothar angesichts der sommerlichen Hitze angetan, denn anschließend hieß seine Wahl „Rainy Night in Georgia“. Steffi Röben, die beim vorigen Folk Club das erste Mal aufgetreten war, begleitete ihn bei dem Lied von Tony Joe White aus dem Jahr 1962 auf dem Cajon.


Ein weiteres neues Gesicht im Folk Club ist Clodi, die selbst begleitet auf der Gitarre wunderschön gesungene Lieder vortrug. Zum Thema des Tages passte das Lied der Gruppe Crowded House „Weather With You“ aus dem Jahre 1991. Mit dem melodischen Lied, dessen Originalinterpretation durch Crowded House stark an den legendären Sound von Crosby, Stills, Nash and Young erinnert, sang sie sich gleich in die Herzen des Publikums. Aus einer anderen Ära stammt der Ohrenschmeichler „Smile“. Das Lied aus der Feder des Multitalents Charly Chaplin, wusste sie ebenfalls mit ihrer schönen, tragenden Stimme zu interpretieren. Claudia beendete ihren Auftritt mit Bill Withers’ jazzigem Lied „Just the Two of Us“. Hier gab es auch wieder eine kleine Anleihe an das Thema des Tages mit der Eingangs-Liedzeile „I See the Crystal Raindrops Fall“, ebenfalls einfühlsam und intonationssicher vorgetragen – dicker Applaus für Claudia verbunden mit der Hoffnung auf weitere Auftritte.


Janero del Rosario, der bereits im Juni sein Debüt im Folk Club hatte, stieg ebenfalls mit Musik von Crowded House in den Ring. Seine Wahl fiel auf die Ballade „Four Seasons in One Day“. Das melodische Lied lag ihm wunderbar, ebenso wie “Why Does it Always Rain on Me?“ von Travis. Etwas düster kommt das Lied „Grey Room“ von Damien Rice daher, das Janero wunderbar und mit viel Gefühl vortrug. Vielen Dank an Janero, der sicher noch viele Pfeile für weitere Folk Club Abende im Köcher hat.


Etwas sehr Ungewöhnliches hatte unser Walk-in Friedrich im Gepäck: Er brachte eine sogenannte „Autoharp“ mit, ein Instrument, das auf der Zither basiert, aber zusätzlich mit Tasten für die Harmonien ausgestattet ist, so dass es auch wie eine Gitarre geschlagen werden kann. Das Instrument wurde von einem nach Amerika ausgewanderten, aus dem Erzgebirge stammenden Instrumentenbauer bei einem Besuch in seiner alten Heimat Ende des 19. Jahrhunderts abgekupfert und in den USA zum Patent angemeldet. In der Country Musik erlangte das Instrument einige Bedeutung so z.B. mit der berühmten Carter-Family. Friedrich setzte sein Instrument für zwei irische Traditionals ein, die er mit viel Schwung vortrug.


Den Abschluss des ersten Teils des Abends bildeten Ulrike Hund (Flöte), Stephan Weidt und Stefan Engwald (jeweils Gitarre und Gesang). Die Gruppe startete mit dem Stones-Klassiker „As Tears Go by“ (darin kommen auch ein paar Regentropfen vor), herrlich arrangiert und vorgetragen von den Dreien. Sehr schön kam Urikes Flötenbegleitung zur Geltung. Seltenere Kost dürfte der „Sturm- und Windwalzer“ der regimekritischen und seinerzeit heftig drangsalierten Musiker Gerulf Pannach und Christian Kunert aus der DDR sein (Sturm und Wind sind schön, wenn sich Windmühlen dreh’n). Stefan Englert brillierte mit seinem Fingerpicking, Stephan Weidt konnte seine schöne Tenorstimme zur Geltung bringen und Ulrike schickte silberne Flötentöne ins Publikum – herrlich! Noch exklusiver war dann das Lied „Sommerabendstimmung“ (endlich mal was Passendes zum aktuellen Wetter!) aus Stephan Weidts eigener Feder. „Der Tag ist fast vorbei“ lautete die Eingangszeile des schönen Liedes – wie wahr! Großer Applaus für die drei und für Stephan Weidts poetisches und kompositorisches Können, das nicht zum ersten Mal den Folk Club bereichert hat – und auch hoffentlich nicht zum letzten Mal!


Etwas erstaunt war unser Master John nach der Pause über die seltsame Dame, die wissen wollte, wer denn der „Herr John“ sei. Ja, sie sei die Frau Schnobelsberger von Heizung und Sanitär Schnobelsberger in Kessenich, und wolle mal hören, was es im Folk Club gebe. Aber eigentlich sei sie ja eher wie die ungeöffnete Grabkammer, die lieber etwas von André Rieu hören wolle – und schwupps, waren wir mitten in der witzigen Comedywelt von Gerti Schnobelsberger, die ohne Punkt und Komma den „Herrn John“ und die gesamte Folk Club Gemeinde zutextete und die Zwerchfelle kräftig strapazierte – Köstliche Einlage von Gerti Schnobelsberger alias Esther Runkel, die einen frenetischen Applaus erntete und nach getaner Arbeit (fast) unerkannt wieder im Publikum untertauchte.


Fast schon zur Tradition gehören Günther Peters’ selbstverfasste Folk Club-Hymnen zu bekannten Melodien noch bekannterer Musikgenies. Diesmal musste die „Forelle“ von Franz Schubert dran glauben: Günther begleitete auf dem Klavier den spontanen Chor, der voller Inbrunst sang:

„Es geht nicht ohne Singen, weil es uns gut gefällt,

Ganz ohne Saitensprünge, Musik zusammenhält“

Großer Spaß, den Günther mit viel Liebe gedichtet und auf einem selbst gezeichneten Liedblatt verteilt hatte. Vielen Dank Günther, und auf dass dir die Einfälle nicht ausgehen, oder waren es doch die Ausfälle, die eingehen? Wer weiß.


Immer wieder für andächtige Spannung sorgen die Auftritte von Barry Roshto mit seiner Tochter Emily. Diesmal hatte Barry das erste Lied ausgesucht – ein Schmankerl aus seiner Jugend und natürlich wieder über den Regen: „Rain“ von Uriah Heep aus dem Jahre 1972. Barry, selbst am Klavier begleitet, trug die melodische Ballade mit seiner herrlichen Tenorstimme vor und Emily sorgte zum Weinen schön für die Zweistimmigkeit – Uff!

Allein mit ihrer Gitarre beleitete Emily sich dann bei „Come in With the Rain“ von Taylor Swift. Emilys Stimme schien wie gemacht für die melodische Ballade und das Publikum war verzückt. Ein en besonderen Leckerbissen präsentierten die beiden mit Rihannas Lied „Under my Umbrella“, das Barry mit dem Lied „I’m Singing in the Rain“ gekoppelt und dazu die Percussion auf der Salatschüssel aus dünnem Holz vollführt hatte – ein Wahnsinnsarragenment und perfekt dargeboten von den beiden. Die meisten im Publikum hatten wohl erst zum Schluss begriffen, was sie da geboten bekommen hatten – Riesenapplaus für Emily und Barry! Nach all dem Regen gaben die beiden dann einen Sommerhit (mal was mit der Sonne, die einem das Gesicht verbrennt) als Zugabe: „Werever You Are“ von Jack Ingram – Das Publikum hing an ihren Lippen und nochmals gab es mächtigen Applaus.


Sabine Hellmann, die schon eine alte Bekannte im Folk Club ist, präsentierte diesmal zwei ihrer eigenen Lieder, die ein wenig melancholisch aber dennoch sehr schön klangen. „Auf dem warmen Sand flieh’n“ lautete der Anfangsvers ihres ersten Liedes, das weiter aufforderte: „Komm lass’ uns im Vollmond schwimmen geh’n!“ – Romantik pur!. Das folgende Lied war dann doch eher traurig (wieder Regen!): „Der Regen, der von den Fenstern rinnt, der kommt von dir mein Kind“. Das lässt auf ein schweres Schicksal schließen, aber Sabine hat uns nichts Näheres verraten. Erneut Regen wurde uns dann mit dem alten Gassenhauer von Credence Clearwater Revival „Have You Ever Seen the Rain?“ präsentiert – das Publikum sang mit, und schwitzte. Viel Applaus für Sabine insbesondere für ihre schönen Eigenkompositionen!


Sie hatten sich nicht mit Sabine abgesprochen, und deswegen gab’s „Have You Ever Seen the Rain?“ gleich ein weiteres Mal: Für Anke und Jörg Bohnsack, schon Folk Club erprobt, war dieses Lied ihr Beitrag zum Wetterthema. Die Doublette war natürlich nicht schlimm und verschaffte dem Publikum die Gelegenheit, ein Lied in zwei ganz unterschiedlichen Interpretationen zu hören – hochinteressant. Aber bei Jörg und Anke muss natürlich auch das plattdeutsche Liedgut gepflegt werden, und so wurde der arme, kleine, leicht naive Hase Matthias besungen, „Lütt’ Matten de Haas“, der sich vom Fuchs bequatschen lässt, von ihm verspeist wird und dessen Knochen dann noch von der Krähe abgenagt werden – gruselig! Mit viel Elan gab’s von den beiden dann zum Abschluss noch den Klassiker „Under the Boardwalk“ bei dem das Publikum wieder kräftig mitsang.


Unser treuer Gefolgsmann Andreas Gruner griff danach zur Gitarre. Eigentlich hatte er ja mit seinem Dudelsack kommen wollen, aber der sei von den Motten zerfressen worden, also sei es bei der Gitarre geblieben. Und so steuerte Andreas zwei witzige selbstverfasste Lieder bei. In einem trieb er seinen Schabernack mit dem fiktiven englischen Wetter, das ja bekanntlich sehr regnerisch sei, jedenfalls in den Grafschaften mit –ex am Ende. Seine Lieder begleitete er gekonnt und steuerte einige schöne Gitarrenriffs bei. Aber Legenden werden durch häufige Wiederholung und auch durch witzige Lieder nicht wahrer: Zur Ehrenrettung der Insel sei gesagt, es gibt zwar auch sehr regnerische Ecken – extrem ist da der Lake District mit der dreifachen Regenmenge des Sauerlandes, aber da wohnt ja auch kaum jemand. In vielen Gegenden und insbesondere in den Grafschaften im Südosten des Landes – denen mit dem -ex am Ende – fällt aber nicht mehr Regen als in Bonn.


Am Ende des Abends gaben sich nochmals Lothar Heinrich und Steffi Gröben die Ehre. Korrekterweise muss die Reihenfolge Steffi und Lothar lauten, denn  Lothar war „nur“ Begleitung bei Steffis Liedern. „Le Vent Nous Portera“ (Der Wind wird uns tragen) lautet der Titel des poetischen Liedes der französischen Band mit dem geheimnisvollen Namen „Noir Désir“. Lothar begleitete Steffi bei ihrem gefühlvollen Gesang auf der Gitarre. Mal zur Jahreszeit passend war die Wahl auf das Lied von den Wise Guys „Jetzt ist Sommer“ gefallen. Steffi begleitete sich selbst auf der Gitarre und wurde von Lothar auf dem Cajon unterstützt. Witziges Lied über einen Sommer, der keiner ist, aber eisern als Sommer definiert wird – das trifft zum Glück auf 2013 nicht zu.


Wer sich bis hierher durch den Bericht des Chronisten durchgearbeitet hat, dem ist sicherlich aufgefallen, dass der Abend angesichts er zahlreichen Auftritte schon ziemlich fortgeschritten sein musste – und das traf auch zu. Aber es war noch nicht Schluss, und wie aus dem Nichts trat Gerd Schinkel auf die Bühne. Gerd, der gerade von einem Auftritt in Köln kam, machte noch einen „kleinen“ Abstecher beim Folk Club und verzauberte die Gäste mit seinen überwiegend selbst komponierten Liedern in deutscher Sprache. Mit seiner kraftvollen Stimme und gekonntem Fingerpicking brachte er die teilweise schon etwas erschöpften Zuhörer noch einmal richtig in Schwung. „Altweibersommerwetter“ war sein Beitrag zum Themenabend und auch gleich eine Ballade zum anstehenden Wahltag: „Endlos quäl’ ich mich und grübel’, was ist bloß das kleinste Übel“ lautete eine sinnige Zeile. Natürlich durfte ein Lied über den unvermeidlichen Regen nicht fehlen. „Und schon steh’ ich mit der Ferse in der Pfütze, in der Pfütze hat ‘ne Mütze wenig Sinn“ – zum Piepen! Es folgten ein Lied über Sternschnuppen, eine Ode auf den in der Nordsee versunkenen reichen Ort Rungholt und ein Lied über das Älterwerden – Poesie und gekonnte Gitarrenbegleitung pur. Auch eine Anleihe an Bob Dylans Lied „Hard Rain“ war dabei, das Gerd in „Regen fällt“ umgetextet hatte – ein böses Lied über den Regen, der das Leben gefährdet. Der Abend schloss mit dem chilenischen Lied „Todo Cambia“ (Alles ändert sich), einer Hoffnungshymne aus der Zeit der Pinochet-Diktatur, für das Gerd ebenfalls  einen deutschen Text verfasst hatte – offenbar ist Gerds poetische und musikalische Phantasie unerschöpflich. Wer Lust hat, kann sich auf Youtube ein Bild davon machen und eine große Zahl von Gerds Liedern anhören.

Ja, am Ende waren doch alle etwas geschafft, aber glücklich über die vielen schönen Lieder. Wir freuen uns denn auch auf den nächsten Folk Club Abend am 4. Oktober mit unseren speziellen Gästen Frank (Engelen) en Piet (Vanhoutte) uit Belgie und Richard de Bastion, dem Engländer aus Berlin.

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